29.08.2013

Das Finale

Geplante Strecke: 80 km bis 140 km
Gefahrene Strecke: 144.48 km
Fahrzeit: 7:37 h
Durchschnitt: 18.95 km/h

Der Morgen startet mit einem leckeren Frühstück. Die Gastgeberin hat sich viel Mühe gegeben und den Tisch mit viel Liebe gedeckt:

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Sie hat mir sogar mein Trikot mit der Maschine gewaschen. Ich komme mir vor wie von Grossmutter verwöhnt 😉

Die Entscheidung fällt mir heute schwer. Es sind noch etwa 140 km bis Rotterdam. Das wäre eine Herausforderung, aber zu schaffen. Die Alternative wäre eine Unterkunft in Dordrecht zu suchen. Nach Dordrecht ist es nur ca. 90 km. Aber die verfügbaren Hotelzimmer sind da recht teuer. 75€ ohne Frühstück, in einem kleinen Standardzimmer in Industrieumgebung finde ich doch schlicht überhöht. Vermutlich rechnen sie mit den Tourenfahrern, da die Strecke Wijk – Rotterdam recht lang ist, dazwischen aber wenig andere Gaststätten verfügbar sind. In Rotterdam hat es dann wieder genügend Angebote zu vernünftigen Preisen.
Ich geniesse erst das leckere Frühstück und mache mich dann nochmals auf die Suche nach Unterkünften. Auch Bed and Breakfast Angebote sprechen mich keine an. Willemien, meine Gastgeberin, bemüht sich ebenfalls und steckt mir noch eine Telefonnummer für eine B&B Adresse in Dordrecht zu. Doch ich habe mich schon entschieden. Ich werde losfahren und in Dordrecht entscheiden. Wenn ich noch vor 17:00 da bin reicht es mir vielleicht sogar noch zur Touristen Information. Vielleicht mag ich ja aber gleich nach Rotterdam durchfahren.
Ich habe viel zu viel Zeit verloren, es ist schon bald 10 Uhr und will vielleicht gleich nach Rotterdam? Ich beginne zu zweifeln. Anders als gestern starte ich gemächlich. Was sagte da einmal ein weiser Kollege? „Wenn du weit fahren willst, musst du nicht schneller, sondern länger fahren“. Danke, das nehme ich mir jetzt zu Herzen. Zudem steckt mir Arnheim von gestern immer noch in den Knochen. Der Himmel ist bedeckt, es ist kühl. Zum ersten mal ziehe ich meine Beinlinge an. Als erstes gehts von Wijk über den Rheinkanal – mit der Fähre. Zum Glück sind die Fahrten erschwinglich. Für ein bis zwei Euro, in Ausnahmefällen auch mal zwei Euro fünfzig wird man ans andere Ufer gebracht.

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Der Weg führt nach Gornichem an wunderschönen Villen vorbei, zum Teil sehen sie aus wie kleine Paläste, weiter über eine weitere Fähre durch kleine, verträumte Dörfer.

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Und so fahre ich recht gemütlich bei Werkendam auf einen Deich zu, fahre die paar Meter hoch, biege nach rechts auf den Deichweg ab um gleich wieder nach links auf der anderen Seite herunter zu fahren, da stehe ich plötzlich vor der wohl kleinsten Fähre der Welt.

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Aus der kleinen Fährhütte kommt ein gutgelaunter, alter Mann und spricht mich auf holländisch an. Ich sage ihm ich spreche nur deutsch oder englisch. Er lacht und meint – auf holländisch natürlich – er spreche nur Werkendam. Ein zweiter lachender alter Mann kommt mit einem kleinen Plan aus der Hütte. Er spricht auch nur Werkendam, und erklärt mir den Weg nach der Fähre. Die beiden haben einen Spass Sprüche über mich zu reissen, und amüsieren sich auch, als sie merken, dass ich sie doch ein wenig verstehe. Keine Ahnung, was die beiden da in der Hütte getrunken haben, aber das Zeug hatte seine Wirkung.
Ich bin ihnen nicht böse und denke, sie haben es auch nicht böse gemeint. So zahle ich die verlangten fünfundsiebzig Cents und steige drüben von der Fähre. Ich bin gespannt was mich erwartet. Laut Reiseführer geht es jetzt in ein Naturschutzgebiet und es fängt schon vielversprechend an:

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Aber das wars dann aber auch schon. Zu meiner Entäuschung folgen nun endlose abgeerntete Felder, Baustellen (weiss der Geier, was die da in dieser gottverlassenen Gegend genau bauen wollen) und Waldstücke. Ich verfahre mich natürlich und fluche in mich hinein. Ich hätte noch Getränk einkaufen sollen! Durstig frage ich einen einheimischen Radler nach dem richtigen Weg und lasse mir erklären, dass es in Holland immer Knotenpunkte hat. Bei jedem dieser Knoten ist eine Karte, wo man den Weg nach dem nächsten Knotenpunkt sehen kann. Auf den Wegweisern steht jeweils nur die Nummer des Knotenpunktes. Aha, das hätte man mir aber auch früher erklären können.
Erst viel später komme ich an einen See, den man als Naturschutzgebiet durchgehen lassen kann, kurz bevor ich das Gebiet wieder mit einer Fähre nach Dordrecht verlasse.

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Ich gelange nach Dordrecht und muss mich nun entscheiden. Für die Touristen Info ist es jetzt zu knapp. Noch 50 km. Ich gebe mir einen Ruck, ignoriere meinen schmerzenden Hintern und fahre zu, weiter durch Dordrecht zur nächsten Fähre. Sie ist, wie hier nicht anders zu erwarten, vollkommen für Radler ausgelegt.

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Drüben angekommen, in Pappendrecht, mache ich mich erst mal auf die Suche nach einer Bleibe in Rotterdam. Ich entscheide mich für ein preiswertes Zimmer, nur 10 Minuten vom Centraal (Hauptbahnhof) entfernt.
In einem Blog habe ich mal gelesen wie man sich über die Preise in der Schweiz und an der Grenze zur Schweiz ausgelassen hat. Heute muss ich sagen, so wie ich es erlebt habe, sind die Preise bei uns durchaus vergleichbar mit jenen auf der ganzen Route, der Qualitätsstandard in der Region Schweiz – Süddeutschland ist aber markant besser.

Ich fahre also den Flietpad (Veloweg) weiter und ab hier passiere ich eine wunderschöne Gegend mit Kanälen, Ziehbrücken, Windmühlen und Feldern. Jetzt kann ich auch noch schnell etwas Wasser kaufen. Die Sonne senkt sich bereits, es ist eine wunderbare Stimmung wie im Bilderbuch. Zum Nachtessen werde ich auch kein Fleisch mehr brauchen, den die Fliegen und Mücken, die ich heute schon verschluckt habe, decken den Tageseiweissbedarf locker ab.

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Dann verfahre ich mich schon wieder. Da muss duch irgendwo eine Brücke sein? Ich suche und schaue nochmals im Reiseführer. Aha, da stehts, und man siehts ganz klar auf der Karte, wenn man eine Lupe dabei hat, hier muss ich auf eine Fähre, die allerletzte auf meiner Tour. Ich warte bis sie angelegt hat, fahre drauf und frage zur Sicherheit nochmals, ob ich richtig bin. Nein, die Fähre die ich wolle, die fahre schon seit fünf Uhr nicht mehr, sagt man mir. Ja super! Und jetzt? Ich entscheide mich trotzdem zu fahren und von dieser Seite den Weg zu suchen. Man bietet mir als Option die Fastferry direkt ins Zentrum von Rotterdam an. Jetzt schwach werden? Nein! Das lässt mein Stolz (noch) nicht zu. Die paar Kilometer schaff ich auch noch. Hab ja erst so 120km gemacht heute.
Also los, ich muss ja nur etwa in diese Richtung und dann irgendwo rechts und dann werde ich schon sehen und wieder in die Route finden. Aber klar, ich verfahre mich wieder und wieder, obwohl, so kompliziert kann der Weg doch nicht sein? Endlich finde ich einen Wegweiser nach Rotterdam Centraal, und damit bald auch wieder den Einstieg in die Route.

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Erst um halb neun finde ich endlich mein Hotel. Ich bin geschafft, froh, müde, glücklich, erleichtert und kann endlich vom Sattel steigen. Ich habs geschafft!!!
Aber das Sightseeing muss warten. Ich beziehe mein Zimmer. Es ist eine Besenkammer mit Bett und Dusche. Aber das ist mir egal. Ich habe mein Ziel erreicht. Endlich! Yeeeeaaah!
Nach der Dusche und einem kurzen Telefonat mit meiner Frau gehe ich noch etwas essen. Ich muss für morgen etwas anders finden. Hier fühle ich mich unwohl in diesem Quartier.

2 Kommentare zu „29.08.2013

  1. Das hast du bestimmt extra gemacht. Mit viel verfahren und Umwegen die Tour gestartet, und mit viel verfahren und Umwegen abgeschlossen.
    Mann hey…bin so stolz auf dich, dass du das durchgezogen hast!
    Ich habe täglich mit dir mitgefiebert. Beim letzten Bericht, hat man das Gefühl, dass man mit dir auf dem Gepäckträger mit fährt und deine Erleichterung, deine Freude und deine Erschöpfung mit erlebt.
    Danke, dass wir dabei sein durften!

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